Bericht: Fotoworkshop “Wenn Riesenbagger Dörfer fressen”
Verlassene Dörfer, Autobahnen, die ins ‘Nichts’ führen und gigantische Maschinen, die die Erde durchwühlen und vor nichts und niemanden halt machen. Das sind Eindrücke, die sich nach diesem Wochenende in unsere Köpfe eingebrannt haben. Es klingt fast wie das Ende der Welt, wenn man den vorherigen Satz so liest, aber nein: das ist die absolute Realität.
Bei winterlich kühlem Wetter haben wir die Umgebung des RWE-Braunkohletagebaus Garzweiler, der zwischen Köln und Mönchengladbach liegt, genau in Augenschein genommen. Aber bevor wir mit unseren Fahrrädern und Kameras bewaffnet auf Fotosafari durch das rheinische Braunkohlerevier gezogen sind, haben wir uns zunächst theoretisch mit den Problem und Auswirkungen des Tagebaus beschäftigt. Es geht nämlich nicht nur um ganze Dörfer, die umziehen müssen, sondern auch
um Feuchtgebiete in 100km Entfernung oder die Feinstaubbelastung in Neuss. Mit diesem Wissen sind wir dann endlich los in Richtung Otzenrath. Was uns dort erwartete war eigentlich nicht viel, das Einzige was noch vermuten ließ, dass hier einmal ein Ort war sind die Reste eines Sportplatzes. Die leicht roten Spuren in feuchter Erde, abgesägte Bäume, Haufen lieblos dahin geworfenen Wurzelgeflechts und die alte Hauptstraße, die geradewegs ins Loch des Tagebaus führt. Und da taucht es auf, am Ende der Straße, das Ungetüm: der Riesenbagger, der sich unaufhaltsam durch das Dorf Otzenrath frisst. An dieser Stelle merkten wir, wie wahr doch der Titel dieses Fotoworkshops ist.
Und wer nun glaubt, das sei der Höhepunkt gewesen, der irrt sich gewaltig – eine Pause war aber dringend nötig. Wir fuhren zurück und wärmten uns bei Tee, leckerem Brot und veganem Brotaufstrich wieder auf. Der Nachmittag wurde dann mit einer weiteren Tour zum Loch und zur ehemaligen A44 (Dreieck Holz, ein Dorf, das es auch schon nicht mehr gibt) gefüllt. Hier hatten wir einmalige Motive und Stimmungen einzufangen.
Als es langsam anfing zu dämmern waren wir bereits zurück in Borschemich, um auch dort die Stimmung der verlassenen Häuser, alten Gärtnereien mit Glashäusern, in denen die Natur tobt, zu fotografieren. Der Abend wurde dann mit Lichtexperimenten und Bilder auswerten gefüllt, bis alle totmüde in die Betten gefallen sind.
Am Sonntag, dem letzten Tag, gab es nur noch eine Frage zu beantworten. Wohin sind denn all die Menschen aus Otzenrath und den anderen Orten? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Neu-Otzenrath. Also gab’s eine letzte Tour mit dem Rad, am Ziel angekommen waren alle sprachlos und das nicht wegen der etwas weiteren Tour. Nachdem wir alles einige Minunten auf haben wirken lassen, kam auch schon die beste Beschreibung für Neu-Otzenrath. ‘das sieht ja aus wie eine Neubausiedlung.’ Ja und was soll ich sagen, der Friedhof mit der Kirche neben dem wir standen gehört dazu, alles irgendwie unwirklich und nicht wirklich belebter als das verlassene Borschemich. Die Stimmung war bedrückend und wir radelten zurück um ein letztes mal zusammen zu essen und über das Erlebte zu reden.
Es war eine super Gruppe und wir alle fahren nach diesem intensiven Wochenende, mit einem neuen Bewusstsein und einem geschärften fotografischen Blick zurück nach Hause.


