BUNDjugend  

Eindrücke einer Ältesten von unserer Visionssuche auf der Alpe Lutt

Warum tu ich mir das eigentlich an?! – nix zu Essen, nur Wasser trinken, ganz allein, ohne Kontakt zu den super Beziehungen, die sich im Camp aufgebaut haben, und jetzt auch noch eine Nacht ohne Schlaf und ohne Plane über dem Kopf… Warum tu ich mir das an?!“

Spätestens in der letzten (Wach-)Nacht stellen sich die meisten, die an einer Visionssuche teilnehmen, diese Frage… Auch uns, die die Visionssuche auf der Alpe Lutt jetzt als Leitende, als Älteste oder als Assistenten begleitet haben, ist es ähnlich gegangen…

Und am nächsten Morgen – nach dieser letzten harten Nacht – treten dann die Quester – wie wir damals – geschwächt, aber mit strahlenden Augen über die Schwelle und werden als „Neu-Geborene“ begrüßt. Wie nach einer Geburt verschwinden die Folgen der Anstrengung mehr oder weniger schnell und weichen der unbändigen Freude über ein neu gewonnenes Lebensgefühl:

Ich bin der Mann, der seine Gefühle lebt“ – „Ich bin die Frau, die ihrem Herzen folgt und andere dabei begleitet, das auch zu tun“ –Sätze wie diese, die in der Zeit der Vorbereitung gereift sind, fassen die tiefe Sehnsucht in Worte, die die Quester bewegt hat, sich allein und fastend in die Wildnis zu begeben auf dem Weg zu sich selber, auf dem Weg zu ihrer eigenen innersten Natur und Stärke.

Die jungen Menschen, die zu den beiden Visionssuchen der BUNDjugend NRW auf der Alpe Lutt zusammenkamen, habe ich erlebt als Persönlichkeiten mit hoher Sensibilität gegenüber dem Leiden in der Natur – der eigenen inneren Natur ebenso wie der äußeren, die sie umgibt – und deren tiefen Verletzungen durch die gesellschaftlichen Strukturen, in denen wir leben. Ich war beeindruckt von ihrer Bereitschaft, sich auf die Natur im innen ebenso wie im außen voll einzulassen, die Bereitschaft, bei sich selber zu beginnen, um dann auch nach außen Veränderungen bewirken zu können.

Als Visionssucheleiterin, die auch als Psychotherapeutin arbeitet, bin ich immer wieder erstaunt, wie in diesen 3 bzw. 4 Tagen extremer Herausforderung – fastend und allein in der Wildnis -Menschen aller Altersstufen auf eine Weise zu sich und ihrer inneren Freiheit und Kraft finden, die in „therapeutischen Prozessen“ auch bei besten Ausgangsbedingungen meist mindestens ein Jahr brauchen….

In den alten Kulturen der Naturvölker, die mangels technischer Ausrüstung auf die Entwicklung aller im Menschen selber steckenden Fähigkeiten angewiesen waren, wurden alle jungen Menschen einer Initiation ausgesetzt, in der sie mit Schwierigkeiten konfrontiert wurden, die sie nur unter Einsatz all ihrer seelischen und geistigen Fähigkeiten bewältigen konnten, auch solcher, von denen sie vorher noch nichts geahnt hatten.

Zwar sind die Anforderungen dieser Initiationen im Vergleich zur modernen Visionssuche sehr viel höher und im Gegensatz zu dieser auch mit echten Gefahren verbunden. Gemeinsam ist ihnen jedoch das Ziel: Die Ausbildung der gefühlsmäßig intuitiven Wahrnehmung „mit dem Herzen“, die in der anschließenden Aufarbeitung des Erlebten mit den Erwachsenen und den Ältesten des Stammes zum harmonischen Zusammenwirken mit dem bewussten logischen Verstand geführt wird.

Die Freilegung der tiefen inneren Weisheit schon beim Start ins Erwachsenenleben diente der Sicherung des Überlebens der Gemeinschaft auch unter widrigsten Umständen.

Dies gilt noch immer – auch und gerade in unserer Kultur, die durch den Menschen selber bedroht wird, der den Kontakt zur Natur in sich und in seiner Umgebung verloren und verlernt hat, die tiefe Verbundenheit allen Lebens wahrzunehmen und aus ihr Kraft zu schöpfen.

Ich gratuliere der BUNDjugend für die mutige Entscheidung, mit der Visionssuche über die „Herzensbildung“ junger Menschen neue Voraussetzungen für einen nachhaltigen Naturschutz zu schaffen.

Eva Rapp-Teichert, Visionssucheleiterin und psychologische Psychotherapeutin