BUNDjugend  
Stellungnahme der BUNDjugend NRW: Bio, fair und regional - das ist unsere erste Wahl.

Stellungnahme zur Lage der Landwirtschaft

Diese Stellungnahme ist Resultat des Abschlussworkshops „Ich wollt, ich wär kein Huhn“ des Projekts „ESSEN MACHT…“ am 12.-14.02.2016. Anlass hierzu war eine kreative Protestaktion am 13.02. in der Soester Innenstadt und ein anschließendes Gespräch mit den konventionellen Landwirten Christian Schneider und Jürgen Henkelmann. Beide führen mittelgroße mischwirtschaftliche Betriebe, Christian Schneider mit 39.000 Masthähnchen in Soest-Ruploh, Jürgen Henkelmann mit 16.000 Puten in Anröchte-Klieve. Während ihrer Ausführungen konnten wir viele Fragen stellen, bevor wir in eine Diskussionsrunde übergingen. Wir danken beiden für den guten und spannenden Austausch, in dem einige Gemeinsamkeiten, aber auch viele Differenzen deutlich wurden. Wir wollen unsere Diskussionen fortsetzen und freuen uns über die Einladung zur Stallbesichtigung.

Auf die Lage der Landwirtschaft blickend kritisieren wir ähnlich wie viele Landwirtschaftsverbände den enormen Preisdruck, dem vor allem konventionelle Landwirt*innen ausgesetzt sind. Er zwingt diese, immer weiter zu wachsen oder zu weichen. Viele Landwirt*innen entscheiden sich dafür zu wachsen, sodass immer größere Mastanlagen entstehen, die mit verheerenden Folgen für Tier, Umwelt und Mensch verbunden sind. Jede neue Megaanlage treibt die Spirale weiter an und sorgt wiederum dafür, dass kleinere Betriebe verdrängt werden oder in den Nebenerwerb weichen müssen. Zwischen 2007 und 2012 haben 23 % der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland aufgegeben.

Auch wenn wir Verständnis für diese scheinbaren ‚Sachzwänge‘ haben, gibt es für Landwirt*innen Alternativen: Bioanbau, Direktvermarktung und das Modell der solidarischen Landwirtschaft zeigen, wie es anders gehen kann. Und wie die Landwirtschaftsverbände fordern wir höhere Preise und allgemein mehr Wertschätzung für die Arbeit der Landwirtschaft, sodass auch konventionelle Landwirt*innen mehr Spielraum haben dem Tierwohl mehr Aufmerksamkeit zu schenken, die Tiere natürlicher zu halten und die Umwelt weniger zu beeinträchtigen.

Und auch die Verbraucher*innen tragen Verantwortung und können durch ihr Verhalten den Markt mitbestimmen. Gerade in Deutschland wird extrem wenig Geld für Nahrungsmittel ausgegeben, im Schnitt elf Prozent der Konsumausgaben. Es ist erschreckend, dass Bäuer*innen teilweise nur acht Cent Gewinn pro Huhn erhalten. Unter diesen Voraussetzungen ist es einleuchtend, dass in der Landwirtschaft alles daran gesetzt wird möglichst viel aus den Tieren rauszuholen. Daran können Verbraucher*innen etwas ändern, indem sie sich im eigenen Konsumverhalten, aber auch politisch gegen den Billigwahn stellen. Ein Billigpreis bedeutet auch ein Billigniveau im Tier- und Umweltschutz. Gleichzeitig spiegeln die Preise an der Ladentheke nicht die tatsächlichen Kosten wider, die für uns als Steuerzahler*innen, Umweltschützer*innen und für die Umwelt entstehen. Neben den Agrarsubventionen zahlen wir und nachfolgende Generationen die Kosten zur Wiederinstandsetzung unserer geschädigten Umwelt, z.B. um das verschmutzte Trinkwasser zu reinigen, die gesundheitlichen Folgen (z.B. die steigende Krebsrate durch den erhöhten Amoniak) zu behandeln oder um den Klimawandel zu begrenzen.

Die verarbeitende Fleischindustrie und der Einzelhandel treiben einen ruinösen Wettbewerb auf Kosten der Bäuer*innen, der Tiere und der Umwelt und erwirtschaften dadurch Umsätze in Milliardenhöhe. Die Folge ist ein endloses Streben nach Optimierung der Prozesse und der Tiere, über das wir entsetzt sind:

Hochgezüchtete Hühner werden mit einer Besatzdichte von 39kg/m² in 8,1 Durchgängen pro Jahr in jeweils 29-32 Tagen zu einem Mastendgewicht von 1500 – 1600g und einem Futterverwertungsverhältnis von 1kg zu 1,60kg in geschlossenen Anlagen gemästet und anschließend im Schlachtbetrieb getötet, verwertet und verarbeitet. Die Abläufe und Sprache sind so technisch und wirtschaftlich, dass die Tiere zur Ware werden und es sich anhört, als sei von der Herstellung von Thermoskannen die Rede. Entfremdung zwischen Mensch und Tier findet also nicht erst in der Tiefkühlteke des Supermarkts statt, sondern bereits bei der Aufzucht und Verarbeitung der Lebewesen.

Bei beliebten Bestandsgrößen wie 39900 Hühnern(, da es erst bei 40.000 zur öffentliche Beteiligung laut Immissionsschutzgesetz kommt,) geht der Blick für das einzelne Tier verloren. Tierwohl ist nur insofern relevant, dass es sich rechnet und bezahlt macht. Dem Primat der Wirtschaftlichkeit wird alles untergeordnet, so auch Auswirkungen auf die Umwelt: Beispiele sind der hohe Stickstoffausstoß der Tierfabriken, der Magerstandorte (z.B. Magerwiesen oder Moore) überdüngt, deren Pflanzen und Tiere (z.B. die Wechselkröte) verdrängt und somit die Artenvielfalt verringert. Ähnlich problematisch sind die Umweltbelastungen durch Feinstaub in der Geflügelzucht, die durch Futterreste, Einstreu, Hautschuppen und Federn verursacht werden und zu Atemwegserkrankungen bei Mensch und Tier führen können. Im Gegensatz zur ökologischen Landwirtschaft fällt bei der konventionellen Landwirtschaft zudem mehr Gülle an. In dieser finden sich häufig Antibiotika- und Desinfektionsrückstände, die anschließend auf die Felder aufgetragen werden, somit auch ins Grundwasser gelangen und unsere Gesundheit gefährden.

Doch neben Natur- und Umweltschutzgründen sind es auch Menschenrechte, die zu einer Kritik an der konventionellen Landwirtschaft veranlassen. Aus dem Globalen Süden importierte Futterzusätze wie Gen-Soja werden häufig auf Flächen angebaut, für die zuvor Regenwälder gerodet, Anwohner*innen vertrieben und die globale Erwärmung befeuert wurden. Durch Landgrabbing, also dem Aufkauf von Flächen bei der jeweiligen Regierung eines Landes und der damit verbundenen Vertreibung der Menschen, werden diese heimatlos und müssen fliehen. Auf den Feldern werden Cashcrops angebaut, die nicht der Ernährungssicherheit der Menschen dienen, sondern ins Ausland verkauft werden, wie z.B. Soja als Futtermittel oder Zuckerrohr als Biobenzin.

Häufig argumentieren konventionelle Landwirt*innen und Tierhalter*innen mit ihrer Verantwortung die Welt zu ernähren. Durch den Import von Tierfutter, die Verdrängung lokaler Bäuer*innen im Globalen Süden zum Anbau von Biosprit sowie aufgrund des Mehraufwands der Umwandlung von Getreide in Tierfleisch wird der weltweite Hunger eher verstärkt als verringert. Hinzu kommt, dass Hühnerteile, die wir nicht mehr essen, in den Globalen Süden (v.a. Westafrika) verkauft werden. Der ungerechte Welthandel und zu ungleiche Voraussetzungen sorgen dafür, dass afrikanische Hühnchenzüchter*innen mit den Billigpreisen aus Europa nicht mithalten können und verdrängt werden.

Aus diesen und aus tierrechtlichen Gründen befürworten wir eine vegane und vegetarische Lebensweise. Wir machen uns dafür stark, dass Menschen, die nicht grundsätzlich auf Fleisch verzichten möchten, ihren Konsum reduzieren und dafür auf hochwertige Produkte vom Biohof vor Ort zurückgreifen.

Kampagnen wie die Initiative Tierwohl sehen wir als Propaganda der Fleischindustrie. Dass das Tierwohl dadurch deutlich gesteigert werde, ist ein Trugschluss, der Verbraucher*innen irreführt. Zwar erhalten ausgeloste Landwirt*innen ca. 2-4 Cent mehr pro Kilogramm Fleisch, doch sind die Verbesserungen wie etwa zehn Prozent mehr Platz und Beschäftigungsmaterialien für die Tiere nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Zur Frage der Zukunftssicht konventioneller Landwirt*innen nehmen wir eine Abfindung mit dem Status Quo statt visionäres Denken wahr. Da das aktuelle System nicht nur die Tiere, sondern auch die Bäuer*innen in die Enge des Wachstumswahns treibt und sie zu Maschinen der Lebensmittelindustrie werden lässt, ruft die BUNDjugend die konventionelle Landwirtschaft dazu auf sich nicht bloß auf die geltenden unzureichenden Gesetze zu stützen, sondern diese mit Blick auf ökologische, soziale und ethische Aspekte zu hinterfragen und sich für eine wirklich nachhaltige Landwirtschaft einzusetzen. Wir appellieren an alle Landwirt*innen Verantwortung zu übernehmen – für das Ansehen des Berufszweigs, welches in vielen Fällen von den eigenen Großeltern hart erarbeitet wurde, und für die Zukunftsfähigkeit nachfolgender landwirtschaftlicher Generationen: Landwirt*innen tragen eine besondere Verantwortung für den Boden, das Grundwasser, die umgebende Natur und die Tiere. Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, braucht es eine Vision und Menschen, die bereit sind sich dafür einzusetzen. Bisher sehen wir das fast ausschließlich nur bei biologischen Betrieben und hoffen auf ein Umdenken in der gesamten Landwirtschaft.

Bio, fair und regional – das ist unsere erste Wahl.

– Die BUNDjugend NRW –