BUNDjugend Nordrhein-Westfalen  

Erfahrungsbericht einer Visionssuche-Teilnehmerin

Es gab und gibt irgendwie nicht den „einen“ Grund dafür an der Visionssuche teilzunehmen. Vielmehr war und ist es ein Gefühl in mir, das mich dazu ermutigt hat, mitzumachen und mich auf etwas gefühlt sehr Neues einzulassen. Vielleicht war es das Gefühl von Lebenslust, -sehnsucht oder nach mehr Tiefe, vielleicht war es aber auch einfach der Wunsch nach Ruhe und Zeit für mich alleine und gleichzeitig nach intensiver Gemeinschaft…

I hear the silence calling me […]1

Ich war schon immer ein sehr nachdenklicher und recht sensibler Mensch und in den letzten Jahren wurde mir bewusster, dass ich mehr leben und anders lernen möchte: Mehr Leben als nur einen Beruf für meinen Lebensunterhalt zu erlernen; mehr Menschlichkeit und mehr Alternativen zum Gewohnten ausprobieren, um das Lernen anders zu (er-)leben; mehr Achtsamkeit zu erlernen und zu (er-)leben. Und und und. Ich möchte Verantwortung sowohl gegenüber mir selbst als auch anderen Lebewesen – egal wie fern oder nah mir diese sind –übernehmen, mich aber gleichzeitig nicht mit Verantwortung überladen. Meiner Gewohnheit nach tendiere ich dazu, mir manchmal mehr Verantwortungsgefühl auf mich zu laden, als es gesund für mich ist. Dabei begleitete mich die Frage danach, was ich wirklich brauche.

Während der Visionssuche waren wir in den Bergen. Die Umgebung da oben auf der abgelegenen Alpe Lutt war einfach wunderschön. Ich würde ihr gewisse Momo2-Qualitäten zuschreiben, denn der Ort lädt förmlich dazu ein, sich selbst besser zuhören zu können. Nicht ganz unwesentlich dazu beigetragen haben wohl auch die großartigen Menschen. Auch wenn sie vielleicht aus so manch‘ einer meiner Perspektiven etwas ‚verrückt‘ aussehen3, strahlten sie immer eine angenehme Akzeptanz aus und hielten diesen besonderen Raum für uns Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Das habe ich während der Visionssuche als sehr auffangend und ermutigend empfunden, so dass ich zur Ruhe kommen und mein Innenleben intensiver wahrnehmen konnte. Ausserdem hat es mir ermöglicht viele meiner Bewertungsschemen im Tal lassen und einfach so da sein – alleine und mit den anderen.

to where I have always been. […]

Was mir wichtig ist, wusste ich gewissermaßen auch schon vor der Visionssuche. Mir ist es zum Beispiel wichtig, offen und achtsam mit mir und anderen umzugehen. Nichtsdestotrotz handle ich manchmal anders. Ein Muster von mir ist es zum Beispiel, nicht offen zu kommunizieren, wenn mich etwas stört. Manchmal erledige ich die Dinge dann lieber selbst als es anzusprechen und übergehe damit teilweise sowohl meine eigenen als auch die Bedürfnisse von anderen. Durch die Visionssuche ist mir das noch einmal klarer geworden und ich versuche nun, bewusster Bedürfnisse zu berücksichtigen / anzusprechen.

Dadurch, dass ich meine eigenen Muster teilweise besser erkenne und ganz grundlegende Annahmen4 bewusster wahrnehme, sehe ich mehr Möglichkeiten, anders zu handeln. Das fühlt sich ziemlich befreiend an. Denn ich merke, sobald es mir gelingt, im Denken von den Kategorien ‚Richtig und Falsch’ und „schwarz und weiß“ loszulassen, desto mehr Möglichkeit zur Annäherung gibt es trotz unterschiedlicher Meinungen.

Dass es mir wichtig ist, mit anderen, mir selbst und der Natur in Verbindung zu sein, wurde mir auch noch einmal intensiver bewusst. Meine Trauer über einen derzeitigen Mangel an Verbundenheit zur und zwischen Natur und Menschen hat mich stark begleitet. Ich wünsche mir, dass wir Menschen und andere Lebewesen zusammen eine nachhaltigere und friedvollere Welt gestalten. Dieser Wunsch hat eine neue tiefere Dimension erlangt, da die Visionssuche eine sehr intensive Erfahrung des in Verbundenheit-Seins war. Eine Erfahrung, die sich noch immer auf mich auswirkt. Denn ich merke, je mehr es mir gelingt, ohne Vorurteile und Bewertung anderen und mir zuzuhören, desto mehr kann ich annehmen, wie es ist statt mich nur darauf fokussieren, womit ich nicht übereinstimme. Dadurch kann ich meine Energie auf Dinge konzentrierenm die mir wichtig sind statt (ohnmächtig) in Negativität festzuhängen.

I am burning and burning. […]

Ich spüre einerseits einen Freiheitsdrang im Sinne, dass ich noch ganz viel (kennen)lernen will und mich und mein Inneres (aus)leben will. Und mein Inneres nehme ich heute sehr viel bewusster wahr, meine Gefühle und Bedürfnisse sind mir klarer. Und gleichzeitig sehe ich noch Raum nach oben. Dabei sehe ich mich nicht als vollkommen unabhängig, sondern eingebunden in verschiedene Beziehungsgeflechte und möchte nicht nur „meine eigenen Interessen“ durchsetzen, sondern gemeinsam herausfinden, was für die Welt (und somit für uns alle) und unser (Über-)Leben wichtig ist.

Dadurch, dass ich meine Gefühle intensiver wahrnehme, empfinde ich sowohl Leid als auch Freude und Dankbarkeit stärker und sehe noch mehr als zuvor die kleinen und großen Schönheiten des Lebens. Ich lerne auch meine eigene (innere) Schönheit mit all ihren Ecken und Kanten besser kennen und akzeptiere meine Fort- und Rückschritte, akzeptiere, dass ich so bin wie ich bin und gleichzeitig doch nicht nur so bin, wie ich gerade bin. Bei all dem gibt mir das Gefühl der Verbundenheit mit anderen Menschen, insb. die Verbundenheit, die ich mit den anderen Teilnehmenden der Visionssuche erfahren habe, einen großen Rückhalt – denn ich bin nicht allein auf dieser Reise, sondern mit ganz vielen anderen Menschen – wenn nicht irgendwie sogar allen?

Und bei all dem weiß und glaube ich, dass meine Reise gerade erst begonnen hat. Dass ich immer mehr über mich, die Welt und andere Menschen lernen werde und immer häufiger erfahre wie sehr doch eigentlich alles zusammengehört. Ich sehe sowohl meinem als auch unser aller Weg gespannt und in größerem Vertrauen als zuvor entgegen. Tief in mir drin glaube ich daran, dass wir alle unter der Oberfläche gar nicht so verschieden sind und zusammen Wege finden können, so auf unserer Welt zu leben, dass wir alle wahrhaft leben und verantwortlich mit uns und der Welt umgehen können. Das mag aus mancher Perspektive naiv klingen, aber ich glaube nicht, dass es naiv ist, denn wie wir die Welt wahrnehmen, gestaltet sie ein ganzes Stück weit mit, oder nicht?

Aus dieser Sicht und mit der Einsicht, dass tief in mir der Wunsch nach weltweiter Verbundenheit wohnt, möchte ich aus liebevoll handeln und dabei auch all die Liebe wahrnehmen, die uns umgibt. Angefangen bei mir selbst möchte ich für diesen tiefen Wunsch nach Frieden und Achtsamkeit in unserer Welt leben und lernen, staunen und bewundern.

I surrender to this mystery, I awaken into the beauty.

1Das Lied ‚I hear the silence calling me‘ hat mich während meiner Visionssuche, insb. der Solozeit, begleitet und dadurch eine besondere Bedeutung für mich.

2In Bezug auf das Buch von Michael Ende.

3Sehr im Kopf geblieben ist mir das folgende Zitat von der Visionssuche: „Besser verrückt sein, als verrückt werden.“ Tut es uns nicht allen gut, ein wenig ‚verrückt‘ zu sein und uns den Raum dazu zu geben? Mir erscheint das jedenfalls sehr angenehm.

4Grundlegende Annahmen über das, was richtig und falsch ist – viele Annahmen sind Meinungen und keine Fakten. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf gelingt es mir, ‚Fremdem‘ offener zu begegnen, auch wenn es ‚Arbeit‘ im Sinne von Wahrnehmen und Verändern (wollen) bedeutet.